Das Fenster in die Zukunft
Woher nehmen Menschen nach all diesen Erfahrungen die Kraft weiterzumachen?
Nach meiner Erfahrung liegt ein wesentlicher Teil dieser Kraft in der Hoffnung, die sie überhaupt erst auf den Weg gebracht hat. Geflüchtete Menschen haben einen hohen Preis für ihre Sicherheit bezahlt. Sie haben Heimat, vertrautes Umfeld, Arbeit, Freunde und Familienangehörige zurückgelassen. Manche haben auf der Flucht Menschen verloren. Sie haben diesen Weg aber nicht ohne Grund auf sich genommen. Dahinter stand die Hoffnung auf ein anderes Leben – auf Sicherheit und eine Perspektive, insbesondere für ihre Kinder. Diese Hoffnung ist eine starke Triebkraft. Sie lernen eine neue Sprache, kümmern sich um ihre Familien, suchen Arbeit und Wohnungen, beginnen Ausbildungen und versuchen, sich in einem fremden System zurechtzufinden. Sie erleben Rückschläge und versuchen trotzdem weiterzumachen. Resilienz bedeutet für mich deshalb nicht, keine Angst zu haben oder schwere Erfahrungen einfach hinter sich zu lassen. Sie zeigt sich darin, trotz dieser Erfahrungen wieder nach vorne schauen zu können.
Dabei spielt das Umfeld eine wichtige Rolle. Ein starker Wille allein reicht nicht immer. Menschen brauchen Menschen, die ihnen Orientierung geben, sie beraten und begleiten und ihnen zutrauen, ihren eigenen Weg zu gehen. Ich stelle mir das wie ein Fenster in die Zukunft vor. Wenn ein Mensch dieses Fenster wieder sehen kann – eine Ausbildung, eine Arbeit, eine eigene Wohnung, Freundschaften, Sicherheit oder eine Zukunft für seine Kinder –, dann kann neue Kraft entstehen. Die Vergangenheit verschwindet dadurch nicht. Aber die Hoffnung kann verhindern, dass die Vergangenheit auch die gesamte Zukunft bestimmt.