Wenn Sprache über Selbstständigkeit entscheidet
Gerade bei Frauen erlebe ich eine weitere, oft wenig sichtbare Angst: die Sorge, ihre Handlungsfähigkeit und Selbstständigkeit zu verlieren und zunehmend von anderen abhängig zu werden. Viele Frauen haben in ihren Familien über Jahre Verantwortung getragen und ihren Kindern Orientierung gegeben. In Deutschland verstehen sie plötzlich Briefe nicht, können Gesprächen in der Schule oder bei Behörden nur schwer folgen und sind auf Übersetzung angewiesen. Besonders schwierig kann es werden, wenn die Kinder schneller Deutsch-lernen als ihre Mütter. Die Frauen sind stolz auf die Fortschritte ihrer Kinder. Gleichzeitig kann Unsicherheit entstehen: Was passiert in der Schule? Was beschäftigt mein Kind? Habe ich alles verstanden? Je älter die Kinder werden, desto größer kann diese Sorge werden. Die Kinder bewegen sich zunehmend selbstständig in einer Gesellschaft, deren Sprache und Strukturen sie besser verstehen als ihre Mutter. Die Mutter möchte weiterhin begleiten und Orientierung geben, hat aber möglicherweise nicht mehr Zugang zu allen Informationen.
Wenn gleichzeitig der Ehemann arbeitet, täglich Kontakte hat und seine Sprachkenntnisse erweitert, während die Frau stärker mit Haushalt und Kinderbetreuung beschäftigt bleibt, kann eine zusätzliche Abhängigkeit entstehen. Besonders große Hürden sehe ich bei Frauen, die auch in ihrer Muttersprache nicht alphabetisiert wurden. Sie müssen beim Deutschlernen nicht nur eine neue Sprache erwerben, sondern gleichzeitig grundlegende Lese- und Schreibkompetenzen entwickeln. Deshalb spreche ich hier zunächst bewusst von Teilhabe und Partizipation. Wie kann eine Frau am gesellschaftlichen Alltag teilnehmen? Wie kann sie mit der Schule kommunizieren, einen Arzttermin vereinbaren, einen Brief verstehen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Kontakte aufbauen und zunehmend selbstständig handeln?
Frauen, die Schulbildung und Berufserfahrung mitbringen oder schnell Deutsch lernen, können ihre Fähigkeiten häufig früher einsetzen. Für Frauen ohne Schriftsprach- und Schulerfahrung ist der Weg wesentlich länger. Das darf nicht mit mangelndem Willen verwechselt werden. Auch eine Frau, die noch nicht gut lesen oder schreiben kann, muss erleben können: Ich gehöre dazu. Ich kann etwas beitragen. Ich werde wahrgenommen. Anerkennung darf nicht erst am Ende eines erfolgreichen Integrationsweges stehen. Sie kann eine Voraussetzung dafür sein, dass dieser Weg überhaupt gelingt.