Frau mit gepacktem Koffer schaut durch das Fenster auf eine glückliche Familie
Werde ich hier Freunde finden? (c) Flux KI-generiert

 

Wer seine Heimat verlassen und fliehen musste, kennt Angst. Angst vor Krieg, Gewalt und Verfolgung, Angst um die Familie und oft auch Angst um das eigene Leben. Doch mit der Ankunft in Deutschland verschwinden diese Ängste nicht einfach. Sie verändern sich.

 

Ein Beitrag von Zohreh Rezvani-Thürck, sozialpädagogische Leiterin der CFEE

 

 

Aus meiner langjährigen Arbeit mit geflüchteten Menschen weiß ich, dass viele nach ihrer Ankunft eine ganz grundlegende Sorge begleitet: die Angst, es nicht zu schaffen.

Das betrifft Männer und Frauen ebenso wie Jugendliche. Viele Menschen kommen mit großen Hoffnungen nach Deutschland. Sie möchten die Sprache lernen, arbeiten, ihren Kindern eine gute Zukunft ermöglichen und wieder ein selbstbestimmtes Leben führen. Sie haben häufig sehr viel hinter sich gelassen und einen hohen Preis für die Hoffnung auf einen Neuanfang bezahlt.

Gerade deshalb ist die Angst vor dem Scheitern so groß. Was passiert, wenn ich die Sprache nicht lerne? Wenn ich keine Arbeit finde? Wenn mein Abschluss nicht anerkannt wird? Wenn ich die vielen Regeln nicht verstehe? Was passiert mit meinen Kindern? Und werde ich hier tatsächlich meinen Platz finden?

Auf diesem Weg begegnen den Menschen viele Hürden: Sprache und Bürokratie, ein unsicherer Aufenthaltsstatus, Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche, der Zugang zu Arbeit und Bildung oder fehlende soziale Kontakte. Auch Vorbehalte und Ausgrenzung können dazu führen, dass Menschen trotz großer eigener Anstrengungen das Gefühl bekommen, nicht voranzukommen.

Die Angst entsteht also häufig nicht, weil die Menschen keine Ziele hätten. Im Gegenteil: Sie entsteht gerade deshalb, weil sie Ziele haben und diese erreichen möchten.

 


Ein Jugendlicher übernimmt Verantwortung

Ein Beispiel, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Geschichte der Familie K. Die Mutter kam mit ihren vier Kindern aus Afghanistan nach Deutschland. Der Vater, der dort als Polizeibeamter gearbeitet hatte, konnte erst etwa sechs Monate später nachkommen. Der älteste Sohn war bei seiner Ankunft 17 Jahre alt. Trotzdem übernahm er in diesen ersten Monaten eine enorme Verantwortung. In Abwesenheit seines Vaters fühlte er sich für seine Mutter und seine drei jüngeren Geschwister verantwortlich. Er übernahm gewissermaßen eine Erwachsenenrolle – obwohl er selbst noch ein Jugendlicher war, der sich in einem völlig fremden Land zurechtfinden musste. Er lernte sehr schnell Deutsch. Heute, rund drei Jahre nach seiner Ankunft, befindet er sich bereits im zweiten Jahr einer Ausbildung im IT-Bereich. Auch seine Geschwister entwickeln ihre eigenen Perspektiven: Eine Schwester steht vor dem Abitur, ein weiteres Geschwisterkind hat eine Ausbildung begonnen. Die Kinder zeigen gute schulische Leistungen.

Auch die Eltern arbeiten an ihrer Zukunft. Die Mutter war in Afghanistan Lehrerin. Sie hat inzwischen die Deutschprüfung auf dem Niveau B2 bestanden und sucht nach einer beruflichen Perspektive. Dabei steht sie vor einem Problem, das viele Geflüchtete kennen: Wichtige Zeugnisse und Nachweise sind durch Krieg und Flucht nicht mehr vorhanden. Der Vater besucht weiterhin einen Deutschkurs.

Die Familie beteiligt sich heute auch an Aktivitäten in ihrer Kommune. Ihre Geschichte zeigt, dass geflüchtete Menschen nicht ohne Fähigkeiten und Erfahrungen zu uns kommen. Sie bringen Bildung, Berufserfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Vorstellungen von ihrer Zukunft mit. Vieles davon ist nach einer Flucht nur zunächst nicht sichtbar.

 


Sicherheit bedeutet auch: Meine Familie ist bei mir

Eine andere Geschichte ist die eines syrischen Vaters. Er kam vor etwa dreieinhalb Jahren allein nach Deutschland. Seine Frau und seine Kinder waren weiterhin in einer unsicheren Situation. Seine eigene Ankunft in Deutschland bedeutete deshalb noch lange nicht das Ende seiner Angst. Er war in Sicherheit – seine Familie war es noch nicht. Fast zwei Jahre dauerte es, bis die Familie wieder zusammen sein konnte. In Syrien hatte der Mann Jura studiert, das Studium aufgrund des Krieges aber nicht abschließen können. Später arbeitete er unter anderem im Libanon und in der Türkei und schickte Geld nach Hause, um seine Familie zu ernähren.

Heute lebt die Familie gemeinsam in Deutschland. Inzwischen haben die Eltern ein weiteres Kind bekommen. Sechs Menschen wohnen allerdings noch immer in einer Einzimmerwohnung. Die Sicherheit ist da, viele Probleme des Alltags bleiben. Der Vater hat sich beruflich neu orientiert und eine Qualifizierung zum Busfahrer begonnen, die er in Kürze abschließen wird. Seine Kinder haben sich in der Schule gut entwickelt, Freundschaften geschlossen und fühlen sich in ihrem neuen Umfeld wohl. Diese Geschichte zeigt: Sicherheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg. Für einen Vater kann Sicherheit bedeuten, zu wissen, dass seine Kinder morgens zur Schule gehen und wieder nach Hause kommen. Sie bedeutet, dass eine Familie zusammenleben und wieder Pläne machen kann.

 


Wenn die Angst im Inneren bleibt

Für manche Menschen reicht die äußere Sicherheit zunächst nicht aus. Frau K. kam vor etwa zweieinhalb Jahren mit ihrem kleinen Kind aus dem Irak nach Deutschland. Sie hatte in ihrer Ehe schwere Gewalt, Bedrohung und Vergewaltigung erlebt. Ihr Kind ist aus dieser Gewalterfahrung hervorgegangen. Als sie Deutschland erreichte, war die unmittelbare Gewalt weit entfernt. Ihre Folgen waren es nicht. Sie war psychisch stark belastet und brauchte zunächst etwas viel Grundlegenderes als einen Sprachkurs oder eine berufliche Perspektive: Sie musste erfahren können, dass sie und ihr Kind tatsächlich sicher sind. Durch engmaschige Begleitung und psychologische Unterstützung gewann sie nach und nach Stabilität. Heute geht es ihr deutlich besser. Sie fühlt sich sicherer und beginnt, ihr Leben wieder selbst zu gestalten. Inzwischen ist sie auch in der Lage, Deutsch zu lernen und sich mit ihrer Zukunft zu beschäftigen. Ihre Geschichte zeigt, dass der erste Schritt zur Integration manchmal nicht darin bestehen kann, möglichst schnell etwas zu leisten. Manchmal muss ein Mensch zunächst wieder genügend Sicherheit gewinnen, um überhaupt lernen, Entscheidungen treffen und eine Zukunft planen zu können.

 


Mütter investieren ihre Kraft in die Zukunft ihrer Kinder

In meiner Arbeit begegne ich auch vielen Frauen aus Somalia und anderen Ländern am Horn von Afrika, die mit ihren Kindern unter sehr schwierigen Bedingungen nach Europa gekommen sind. Viele tragen die Verantwortung für ihre Kinder allein. Familien wurden durch Krieg, Gewalt und Flucht auseinandergerissen. Was mich bei diesen Frauen besonders beeindruckt, ist ihr Wunsch, ihren Kindern eine andere Zukunft zu ermöglichen. Sie möchten verhindern, dass ihre Kinder ebenfalls von Gewalt und Unsicherheit bestimmt werden. Besonders groß ist bei manchen die Sorge, dass ihre Söhne eines Tages selbst in Gewalt und bewaffnete Konflikte hineingezogen werden könnten. In Deutschland angekommen, müssen die Mütter Schule, Kindergarten, Arzttermine, Behörden und den gesamten Familienalltag bewältigen – häufig mit sehr geringen Deutschkenntnissen. Trotzdem erlebe ich, wie aufmerksam sie darauf achten, dass ihre Kinder zur Schule gehen, lernen, Freundschaften aufbauen und eine Ausbildungsperspektive entwickeln. Diese Leistung bleibt manchmal unsichtbar. Denn die enorme Verantwortung für die Kinder kostet Kraft und Zeit. Gerade alleinerziehende Mütter haben dadurch weniger Möglichkeiten, selbst regelmäßig Deutsch zu lernen oder eine berufliche Perspektive aufzubauen. Von außen kann dann der Eindruck entstehen, die Frau selbst komme bei ihrer Integration nicht voran. Meine Erfahrung ist häufig eine andere: Ein großer Teil ihrer Kraft fließt zunächst in die Integration ihrer Kinder. Sie geben ihren Kindern etwas, das sie selbst lange nicht hatten: Sicherheit und Perspektive.

 


Wenn Sprache über Selbstständigkeit entscheidet

Gerade bei Frauen erlebe ich eine weitere, oft wenig sichtbare Angst: die Sorge, ihre Handlungsfähigkeit und Selbstständigkeit zu verlieren und zunehmend von anderen abhängig zu werden. Viele Frauen haben in ihren Familien über Jahre Verantwortung getragen und ihren Kindern Orientierung gegeben. In Deutschland verstehen sie plötzlich Briefe nicht, können Gesprächen in der Schule oder bei Behörden nur schwer folgen und sind auf Übersetzung angewiesen. Besonders schwierig kann es werden, wenn die Kinder schneller Deutsch-lernen als ihre Mütter. Die Frauen sind stolz auf die Fortschritte ihrer Kinder. Gleichzeitig kann Unsicherheit entstehen: Was passiert in der Schule? Was beschäftigt mein Kind? Habe ich alles verstanden? Je älter die Kinder werden, desto größer kann diese Sorge werden. Die Kinder bewegen sich zunehmend selbstständig in einer Gesellschaft, deren Sprache und Strukturen sie besser verstehen als ihre Mutter. Die Mutter möchte weiterhin begleiten und Orientierung geben, hat aber möglicherweise nicht mehr Zugang zu allen Informationen.

Wenn gleichzeitig der Ehemann arbeitet, täglich Kontakte hat und seine Sprachkenntnisse erweitert, während die Frau stärker mit Haushalt und Kinderbetreuung beschäftigt bleibt, kann eine zusätzliche Abhängigkeit entstehen. Besonders große Hürden sehe ich bei Frauen, die auch in ihrer Muttersprache nicht alphabetisiert wurden. Sie müssen beim Deutschlernen nicht nur eine neue Sprache erwerben, sondern gleichzeitig grundlegende Lese- und Schreibkompetenzen entwickeln. Deshalb spreche ich hier zunächst bewusst von Teilhabe und Partizipation. Wie kann eine Frau am gesellschaftlichen Alltag teilnehmen? Wie kann sie mit der Schule kommunizieren, einen Arzttermin vereinbaren, einen Brief verstehen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Kontakte aufbauen und zunehmend selbstständig handeln?

Frauen, die Schulbildung und Berufserfahrung mitbringen oder schnell Deutsch lernen, können ihre Fähigkeiten häufig früher einsetzen. Für Frauen ohne Schriftsprach- und Schulerfahrung ist der Weg wesentlich länger. Das darf nicht mit mangelndem Willen verwechselt werden. Auch eine Frau, die noch nicht gut lesen oder schreiben kann, muss erleben können: Ich gehöre dazu. Ich kann etwas beitragen. Ich werde wahrgenommen. Anerkennung darf nicht erst am Ende eines erfolgreichen Integrationsweges stehen. Sie kann eine Voraussetzung dafür sein, dass dieser Weg überhaupt gelingt.

 


Das Fenster in die Zukunft 

Woher nehmen Menschen nach all diesen Erfahrungen die Kraft weiterzumachen?

Nach meiner Erfahrung liegt ein wesentlicher Teil dieser Kraft in der Hoffnung, die sie überhaupt erst auf den Weg gebracht hat. Geflüchtete Menschen haben einen hohen Preis für ihre Sicherheit bezahlt. Sie haben Heimat, vertrautes Umfeld, Arbeit, Freunde und Familienangehörige zurückgelassen. Manche haben auf der Flucht Menschen verloren. Sie haben diesen Weg aber nicht ohne Grund auf sich genommen. Dahinter stand die Hoffnung auf ein anderes Leben – auf Sicherheit und eine Perspektive, insbesondere für ihre Kinder. Diese Hoffnung ist eine starke Triebkraft. Sie lernen eine neue Sprache, kümmern sich um ihre Familien, suchen Arbeit und Wohnungen, beginnen Ausbildungen und versuchen, sich in einem fremden System zurechtzufinden. Sie erleben Rückschläge und versuchen trotzdem weiterzumachen. Resilienz bedeutet für mich deshalb nicht, keine Angst zu haben oder schwere Erfahrungen einfach hinter sich zu lassen. Sie zeigt sich darin, trotz dieser Erfahrungen wieder nach vorne schauen zu können.

Dabei spielt das Umfeld eine wichtige Rolle. Ein starker Wille allein reicht nicht immer. Menschen brauchen Menschen, die ihnen Orientierung geben, sie beraten und begleiten und ihnen zutrauen, ihren eigenen Weg zu gehen. Ich stelle mir das wie ein Fenster in die Zukunft vor. Wenn ein Mensch dieses Fenster wieder sehen kann – eine Ausbildung, eine Arbeit, eine eigene Wohnung, Freundschaften, Sicherheit oder eine Zukunft für seine Kinder –, dann kann neue Kraft entstehen. Die Vergangenheit verschwindet dadurch nicht. Aber die Hoffnung kann verhindern, dass die Vergangenheit auch die gesamte Zukunft bestimmt.

 


Eine Brücke, die keine Einbahnstraße ist

Unsere Aufgabe als Christliche Flüchtlingshilfe Egelsbach/Erzhausen (CFEE) sehe ich darin, Brücken zu bauen. Nicht alle Menschen starten unter denselben Voraussetzungen. Manche können über diese Brücke schnell und selbstständig gehen. Manche brauchen mehr Zeit. Und manche benötigen zunächst Begleitung und Orientierung, um überhaupt die Sicherheit für den ersten Schritt zu gewinnen. Wir können ihnen ihren Weg nicht abnehmen. Aber wir können ihn zugänglich machen. Wir können beraten, erklären, begleiten und Möglichkeiten aufzeigen. In diesem Sinne sind wir auch Wegweiser. Gehen müssen die Menschen ihren Weg selbst.

Doch diese Brücke darf keine Einbahnstraße sein. Wenn wir über Geflüchtete sprechen, sehen wir häufig zuerst das, was ihnen fehlt: Deutschkenntnisse, Arbeit, eine Wohnung, Orientierung oder bestimmte Nachweise. Dabei vergessen wir leicht, was sie mitbringen: Lebenserfahrung, Wissen, Berufe, Fähigkeiten, familiäre Erfahrungen, Ideen und andere Perspektiven. Auch wir können von ihnen lernen.

Teilhabe bedeutet deshalb nicht, dass sich ausschließlich diejenigen bewegen müssen, die neu zu uns kommen. Begegnung kann beide Seiten verändern. Dazu braucht es nicht immer eine professionelle Beratungsstelle. Jeder Mensch kann etwas beitragen: zuhören, geduldig erklären, jemanden einbeziehen, Kontakte ermöglichen und vor allem einem Menschen etwas zutrauen. Manchmal beginnt Zugehörigkeit mit einer ganz einfachen Erfahrung: Ich werde gesehen.

Vielleicht ist genau das unsere gemeinsame Aufgabe: Brücken zu bauen, Wege zu zeigen und Menschen zuzutrauen, diese Wege selbst zu gehen – und gleichzeitig offen dafür zu sein, dass uns auf dieser Brücke auch etwas entgegenkommt.

 

- zrt -

 

 

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