Ein Jugendlicher übernimmt Verantwortung
Ein Beispiel, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Geschichte der Familie K. Die Mutter kam mit ihren vier Kindern aus Afghanistan nach Deutschland. Der Vater, der dort als Polizeibeamter gearbeitet hatte, konnte erst etwa sechs Monate später nachkommen. Der älteste Sohn war bei seiner Ankunft 17 Jahre alt. Trotzdem übernahm er in diesen ersten Monaten eine enorme Verantwortung. In Abwesenheit seines Vaters fühlte er sich für seine Mutter und seine drei jüngeren Geschwister verantwortlich. Er übernahm gewissermaßen eine Erwachsenenrolle – obwohl er selbst noch ein Jugendlicher war, der sich in einem völlig fremden Land zurechtfinden musste. Er lernte sehr schnell Deutsch. Heute, rund drei Jahre nach seiner Ankunft, befindet er sich bereits im zweiten Jahr einer Ausbildung im IT-Bereich. Auch seine Geschwister entwickeln ihre eigenen Perspektiven: Eine Schwester steht vor dem Abitur, ein weiteres Geschwisterkind hat eine Ausbildung begonnen. Die Kinder zeigen gute schulische Leistungen.
Auch die Eltern arbeiten an ihrer Zukunft. Die Mutter war in Afghanistan Lehrerin. Sie hat inzwischen die Deutschprüfung auf dem Niveau B2 bestanden und sucht nach einer beruflichen Perspektive. Dabei steht sie vor einem Problem, das viele Geflüchtete kennen: Wichtige Zeugnisse und Nachweise sind durch Krieg und Flucht nicht mehr vorhanden. Der Vater besucht weiterhin einen Deutschkurs.
Die Familie beteiligt sich heute auch an Aktivitäten in ihrer Kommune. Ihre Geschichte zeigt, dass geflüchtete Menschen nicht ohne Fähigkeiten und Erfahrungen zu uns kommen. Sie bringen Bildung, Berufserfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Vorstellungen von ihrer Zukunft mit. Vieles davon ist nach einer Flucht nur zunächst nicht sichtbar.